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Zeitlose Herbstzeitgedanken aus (m)einer kleinen Welt

"Was nützt ein Plan schon?" fragt das Kreidemädchen in die graublaue Nacht hinaus. "Sobald ich einen habe, wird er vom Leben durchkreuzt. Oder von roten Zügen mit blauen, unbequemen Sitzen. Oder vom Sommer an falschen Tagen. Ich sollte das planen einfach lassen."
Sie dreht sich vom Fenster weg, schlüpft unter die Decke und macht sich auf den Weg ins Traumland. Dort ist es in dieser Nacht ruhig, sie schläft schließlich seit drei Wochen das erste Mal wieder im eigenen Bett- allerdings auch das letzte Mal für einige Zeit, nur ob ihr das in diesem Moment bewusst ist, das weiß keiner.

Neuer Tag, gleicher Ort, Sonne. Das Kreidemädchen packt den Koffer aus und gleichzeitig ihren Rucksack ein. Die Wahlheimat ist schließlich nur ein kurzer Zwischenstopp am heutigen Tag. Die nächsten Stunden verbringt sie in Bussen und an Bahnhöfen. Sie fährt soweit nach Norden, bis alles so grau ist, dass sogar die Menschen graue Namen haben. Sie fährt so lange nach Norden, bis sie ein bekanntes Gesicht sieht.
Dann geht alles ziemlich schnell. Aussteigen. Wiedersehensfreude. Einsteigen. Aussteigen. Mittagessen. Einsteigen. Aussteigen. Flüsschen. Einsteigen. Aussteigen. Abendessen. Bett. Der Regen am nächsten Tag gefällt ihr gut, denn sie hat jetzt Zeit anzukommen, kennenzulernen und sich wie Zuhause zu fühlen. Drei Wochen sind schließlich ganz schön wenig und ziemlich lang, da brauchen auch Glühwurmkind und Kreidemädchen ein paar Augenblicke, um sich aneinander zu gewöhnen. Aber, wie das bei guten Freunden üblich ist, schaffen sie es schnell und läuten gemeinsam den Beginn einer unbestimmten Zeit zusammen irgendwo ein.
Eine gemeinsame Zeit voller hellgraublaubunter tagheller Tage an denen sie die Nähe und die Ferne gemeinsam erkunden. Fachwerkschiefer mit grauen Dächern. Mit blauen Schuhen im Salz. Rezeptfreie Nudelzauberei. Gleichzeitig in drei Ländern. 1066 Stufen um die Welt in Kleinformat zu betrachten. Dem Schatten folgend ziellos losschwimmen. Backen, schichten und malen. Eisbrechende Seifenblasen pusten. Auf dem Boden der Tatsachen und in berauschenden Höhen durch die Gegend laufen. Dies und noch viel mehr- die beiden müssen ja schließlich vierzehn lange Tage füllen, damit sie einander nicht auf den Keks gehen oder es gar für besser hielten, wenn die Zeit nur bald um wäre.

Zwischen den Tagen liegen auch in der kleinen Welt von Glühwurmkind und Kreidemädchen recht dunkle Nächte. Sie stellen allerdings schon bald fest, dass die Nächte nicht wirklich gleich sind. Es gibt hellere und dunklere, nahe und ferne und vor allem gibt es ziemlich warme und unglaublich warme.
Die erste Nacht war noch eine recht warme ferne Nacht, doch nach wenigen gemeinsamen Tagen wurden die Nächte auf ganz einmalige Weise herzhell und vertraut. Und ziemlich sommerwarm. Glühwurmkind und Kreidemädchen lernen in den Nächten dieser Zeit Blicke zu hören und Gedanken zu sehen, müssen reden und dürfen zuhören, sind Nacht für Nacht im Hier und Jetzt. Sie erleben auf ganz neue Weise, wie es ist, festgehalten zu werden, nicht mehr losgelassen zu werden, wie groß eins Komma sechs Quadratmeter sind und warum es gut ist, dass alles ist wie es ist.

Beide sind überrascht, wie schnell vierzehn volle Tage dennoch vorübergehen können. Nun sitzen sie im Zug in Richtung Süden. Zurück in die Wahlheimat oder gar noch weiter in den Süden bis zu den Eltern. Zurück in den Alltag. Nächte mit mehr Schlaf, dafür weniger Wärme. Sie brauchen die Zeit, um neue Gesprächsthemen zu finden, um neuen Erzählstoff zu erleben, um zu lernen und zu arbeiten. Um sich wieder sehen zu können. Denn das werden sie, noch jahrelang, da sind sich die beiden sicher.
Und dann wird wieder festgehalten. Muss ja.


Die Frage nach der Identität von Kreidemädchen und Glühwurmkind wird nicht geklärt werden, vielleicht erkennt der ein oder andere dadurch aber sein eigenes Glühwurmkind oder ein echtes Kreidemädchen an seiner Seite. Jeder hat schließlich jemanden bei der er sich denkt "Ich wäre mal so gern in deiner Welt!", jemanden, der da ist und graubunte Farbkleckse ins Leben bringt.

Und merke dir, wenn du etwas fragen möchtest, frag!

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